Finanzkolumne

Die Privatisierung des Geldes

„Nur Bares ist Wahres“ sagt der Volksmund und wenn eine Nation sich daranhält, dann ist es Deutschland. Allen alternativen Zahlungsmöglichkeiten zum Trotz, der Deutsche liebt es in bar zu bezahlen. Der Anteil der Barzahlungen liegt in Deutschland immer noch bei mehr als siebzig Prozent. Damit ist Deutschland nach wie vor Spitzenreiter in Europa. In den Nordeuropäischen Staaten wie Schweden oder Dänemark liegt die Quote der Barzahlungen gerade noch bei 30 Prozent; Tendenz weiter fallend. Die meisten Menschen gehen stillschweigend davon aus, dass die Scheine und Münzen in ihrem Portemonnaie und das Geld auf ihrem Konto im Wesentlichen dasselbe sind. Ein weit verbreiteter Irrtum. Würden sie versuchen, alle ihre Guthaben vom Sparbuch, Tagesgeld- oder Girokonto abzuheben, wären sie jedoch schnell eines Besseren belehrt. In ganz Europa gibt es nämlich nicht genügend Euro-Scheine und -Münzen, um sich das Geld auszahlen zu lassen, dass allein die deutschen Banken verwalten. 

Unser Geldsystem beruht auf verschiedenen Formen von Geld, Bargeld und Giralgeld. In diesem System wird das Geld nicht allein von der Zentralbank geschöpft, sondern auch und vor allem von den Geschäftsbanken. Das geschieht täglich, zum Beispiel immer dann, wenn ein Kunde einen Konsumentenkredit oder ein Baudarlehen in Anspruch nimmt. In dem Moment, da die Bank die Darlehenssumme auf das Konto bucht, ist neues Geld geschaffen. Gleiches passiert, wenn die Bank einen Kredit an ein Unternehmen vergibt. „Fiat money“ heißen derartige Währungen im englischsprachigen Raum. Der Name Fiat leitet sich dabei nicht von dem italienischen Autobauer oder dessen Qualität ab, sondern kommt aus dem lateinischen (fiat = es werde entstehen). Kritiker sprechen auch gerne nur von ungedecktem Geldsystem. Für viele Ökonomen führt dieses Geldsystem geradezu in die Katastrophe. Die Finanzkrise 2007/08 war lediglich ein Vorspiel für das, was nach Meinung der Kritiker unweigerlich noch kommen wird. Das Kernproblem des ungedeckten Geldsystems ist, dass das meiste Geld recht unkontrolliert im privaten Bankensektor geschaffen wird. Durch die Vergabe von Krediten schaffen die Banken Geld aus dem Nichts. Gedeckt sein müssen die Kredite dabei praktisch gar nicht. Anders, als man annehmen könnte, ist es nicht so, dass das Guthaben des einen Bankkunden der Kredit des anderen wird. Die Banken müssen lediglich eine minimale Mindestreserve im niedrigen Prozentbereich vorhalten. Aktuell beträgt diese Mindestreserve in der Euro-Zone lediglich ein Prozent. Durch die Buchung der Geschäftsbank kommt Geld in den Wirtschaftskreislauf, das vorher schlicht und einfach nicht da war. Das Problem von diesem Geld ist dabei, dass es ebenso leicht vernichtet werden kann, wie es geschaffen wird. Haben die Banken besonders viele Kredite vergeben, kann das gesamte Finanzsystem wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen. 

Für die Kritiker ist unser ungedecktes Geldsystem legale Geldfälschung. Das Fiat-Geld verursacht in den Augen der Kritiker Finanz- und Wirtschaftskrisen. Das Ausweiten der Fiat-Geldmenge durch Bankkreditvergabe senkt den Marktzins künstlich herab – und zwar unter das Niveau, das bestehen würde, wenn die Kreditvergabe nicht ausgeweitet worden wäre. Die künstlich gesenkten Zinsen verlocken zu Investitionen, die ohne ein künstliches Absenken nicht angegangen worden wären. Immer wiederkehrende Blasen am Finanzmarkt sind die Folge. Der Staat muss die Zinsen immer weiter absenken und seine Verschuldung immer weiter ausdehnen, um das System zu stabilisieren. Durch die Entwicklung der letzten Jahre fühlen sich die Kritiker immer mehr bestätigt. Der Ruf nach Alternativen wird lauter. Für manchen Ökonomen ist der „point of no return“ auch schon lange überschritten. Aktuelle Zahlen zur weltweiten Verschuldung lassen aufhorchen. Wie das Institute for International Finance - der weltweite Verband der Finanzbranche - in Washington mitteilte, betragen die weltweiten Verbindlichkeiten 215 Billionen Dollar (202 Billionen Euro). Die Summe entspricht 325 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Der größte Teil der weltweiten Schulden geht auf das Konto der Industriestaaten, die mit insgesamt 160 Billionen Dollar in der Kreide stehen. Dies entspricht fast dem Vierfachen des Bruttoinlandsproduktes dieser Länder. Vor allem die zunehmende staatliche Verschuldung gibt Anlass zur Sorge. Diese hat sich beispielsweise in den USA und in Großbritannien seit 2006 mehr als verdoppelt. In den westeuropäischen Ländern und in Japan ist sie um etwa 50 Prozent gestiegen. Steigende Zinsen können dabei verheerende Auswirkungen auf die Stabilität des derzeitigen Geldsystems haben. 

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek gehört zu den Vordenkern eines alternativen Geldsystems. Bereits1976 stellte er in seinem Buch „Entnationalisierung des Geldes” seinen Ansatz vor. Hayek, zeitlebens ein großer Widersacher von John Maynard Keynes, übertrug die Idee des Wettbewerbs und des Freihandels auf das Geld. Für Hayek ist der Geldwettbewerb die einzige Möglichkeit, um den Zusammenbruch des Geldsystems insgesamt zu verhindern. Denn das derzeitige Geldsystem basiert auf der Verschuldung durch Kreditgeld, das die Banken durch die Kreditvergabe an Staaten, Unternehmen und private Haushalte schaffen und dem kein gleichwertiger Sparvorgang gegenübersteht. Wenn der Staat alternatives Geld zulassen oder tolerieren würde, dann könnte sich sukzessive gutes Geld entwickeln, das private Emittenten herausgeben. Wenn jeder dann die Möglichkeit hätte, jederzeit sein schlechtes Geld in gutes Geld umzutauschen, würde niemand schlechtes Geld halten wollen. Daher würde das schlechte Geld über kurz oder lang sich zu gutem Geld entwickeln oder vom Markt verschwinden. Dieser Grundgedanke führt dazu, dass der Staat am Ende schauen muss, dass er gutes Geld produziert, sonst verschwindet sein eigenes Geld vom Markt. 

Allerdings haben die Staaten wenig Interesse daran, ihre Monopolstellung beim Geld aufzugeben. Die Verlockungen des ungedeckten Geldsystems sind zu verführerisch. Durch die Zinspolitik der Notenbanken können immer mehr öffentliche Schuldenberge finanziert werden, ohne dass Ausgaben gekürzt oder unpopuläre Steuern erhöht werden müssen. Kurzfristig können durch die Zinsschritte der Zentralbanken durchaus befristet Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten werden. Mittel- und langfristig wird sich jedoch herausstellen, dass die scheinbar rentablen Investitionen aufgrund der real nicht ausreichend vorhandenen Ressourcen unrentabel sind. Friedrich August von Hayek fasste diese Tragödie in die Worte: "Brot für heute und Hunger für morgen". Viele kritische Ökonomen sehen daher in Bitcoins einen wichtigen Ansatz, das Geldsystem zu verändern. Seit einigen Jahren stellt diese neue alternative Währung eine wirkliche Alternative da und dominiert mit einer Kapitalisierung von etwa 20,64 Milliarden Dollar den Markt der virtuellen Währungen. Es existieren auch bereits neben Bitcoins noch andere Krypto-Währungen. Ethereum steht, mit einer Kapitalisierung von 1,74 Milliarden Dollar an zweiter Stelle. Auch von den anderen Währungen im Krypto-Universum, wie Dash, Ripple oder Monero dürften wohl nur Insider gehört haben. 

Heute beginnt die Deutsche Bundesbank mit der Auslieferung der neuen 50 Euro Scheine. Als vierter Geldschein der sogenannten Europa-Serie kommt er in allen 19 Mitgliedstaaten des Euro-Raums in den Umlauf. Insgesamt 5,4 Milliarden Stück mit einem Gewicht von rund 5400 Tonnen werden verteilt. Ob es gutes oder schlechtes Geld ist, wird die Zukunft zeigen.

 
Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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