Finanzkolumne

Die Inflation ist wie eine Schwangerschaft…

Die Inflation ist wie eine Schwangerschaft; auf legalem Wege nicht mehr aufzuhalten“. Aber offensichtlich kann man schneller schwanger werden, als dass es den Zentralbanken gelingt Inflation zu erzeugen. Dabei sind die offiziellen Inflationsziele der Europäischen Zentralbank gar nicht so hoch. Die Währungshüter streben knapp zwei Prozent als Idealwert für die Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum an. Experten zufolge wird die Zentralbank jedoch noch mehrere Jahre ihr Inflationsziel nicht erreichen. Der Anstieg der Verbraucherpreise wird laut einer Umfrage unter Beobachtern erst 2021 mit 1,8% wieder nahe am angestrebten Niveau liegen. Dabei war die Aufregung vor 5 Jahren vor allem unter deutschen Ökonomen groß, als EZB-Präsident Mario Draghi mit seinem berühmten „Whatever it takes…“ die neue Geldpolitik der Europäischen Zentralbank einleitete. Zinsen runter, Geldmenge rauf, damit lässt sich die wesentliche Richtung dieser Politik kurz umschreiben. 

Auf der internationalen Ebene gab es dagegen einige renommierte Ökonomen, die für eine höhere Inflationsrate eintreten und den expansiven Kurz der EZB unterstützen. Zu den Befürwortern gehörten zum Beispiel der frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff und die Nobelpreisträger Greg Mankiw und Paul Krugman. Rogoff argumentierte, dass die westlichen Staaten die enorme Verschuldung durch die Finanzkrise nur durch eine höhere Inflation abbauen könnten. Die finanzielle Repression, Entschuldung über Inflation, schien der einzige mögliche Ausweg zu sein. Für viele Deutsche ist Inflation dagegen ein Horrorszenario. Die Erinnerungen an die Hyperinflation der Weimarer Republik sitzen auch fast 90 Jahre später noch tief. Die Preisstabilität war für die Deutsche Bundesbank, die heute ihren 60sten Geburtstag feiert, zu DM-Zeiten immer ein hohes Gut. Die neue Geldpolitik der EZB unter Mario Draghi hatte dementsprechend unter deutschen Ökonomen nie viele Freunde. Für viele war damals klar, diese Politik ist zum Scheitern verurteilt und wird auf dem Rücken deutscher Sparer ausgetragen. Weit aus dem Fenster lehnte sich der ehemalige Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin. „Wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen, gebe ich mein Diplom als Bonner Volkswirt zurück und bin bereit, alles neu zu lernen", verkündete er selbstbewusst im Dezember 2012. Mittlerweile ist Halbzeit, von wirklicher Inflation ist im Euroraum noch nicht viel zu spüren. Ganz im Gegenteil, bis vor kurzem sorgte das Schreckgespenst der Deflation für mehr Sorgen. Vielleicht sollte sich der ehemalige Bundesbankvorstand einmal mit den aktuellen „Studieren ab 50“-Programmen der Bonner Universität auseinandersetzen. 

Mario Draghi dagegen kann eigentlich zufrieden sein. Die wirtschaftliche Lage in Europa ist so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosigkeit geht kontinuierlich zurück. Sie ist im Euro-Raum auf ein so niedriges Niveau gesunken wie seit Februar 2009 nicht mehr. Die niedrigsten Arbeitslosenquoten verzeichneten Tschechien, Deutschland und Malta. Selbst in Spanien, eines der Sorgenkinder der letzten Jahre, ging die Arbeitslosenquote im letzten Jahr um mehr als 2,5% zurück. Nahezu unverändert hoch ist die Arbeitslosenquote zwar immer noch in Griechenland, aber immerhin gelang dem krisengeschüttelten Land in der letzten Woche die Rückkehr an den internationalen Kapitalmarkt. Die staatliche Schuldenagentur PDMA platzierte am Dienstag eine Anleihe mit fünfjähriger Laufzeit über drei Milliarden Euro. Die Inflation in der Eurozone dagegen ist im Juni, wie allgemein schon erwartet, wieder leicht gesunken. Die Verbraucherpreise stiegen um 1,3% im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte. Im Mai hatte die Teuerungsrate noch bei 1,4% gelegen. 

Der Theorie nach bilden die Geldmenge und der Wert der angebotenen Waren in einer Volkswirtschaft immer ein Gleichgewicht. Die komplette Gleichung, die auf den schottischen Ökonomen David Hume zurückgeht, lautet, Y x P = M x V. Dabei steht Y für die Gütermenge, P für den Preis, M für die Geldmenge und V für die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes – also dafür, wie oft es in einem Jahr den Besitzer wechselt. Erhöht sich die Geldmenge, aber das Warenangebot bleibt gleich, steigt gemäß der Theorie der Preis. Die Umlaufgeschwindigkeit wird meistens als konstant angenommen. Auf den ersten Blick spricht alles für eine höhere Inflation, denn die Geldmenge im Euroraum hat sich in den letzten Jahren durch die Geldpolitik der Notenbank stark erhöht. Viele Inflations-Propheten haben sich bei Ihrer Kritik jedoch zu stark auf die Geldmenge fokussiert. Dabei gibt es mit Japan schon seit mehr als 20 Jahren ein klassisches Gegenbeispiel. Dort verfolgt die Notenbank schon seit Jahren eine expansive Geldpolitik. Trotzdem kämpft das Land gegen eine Deflation, also fallende Preise. Der Grund dafür ist, dass die Notenbank zwar Geld druckt, es aber nicht in Umlauf kommt, weil Firmen und Verbraucher trotz Nullzinspolitik bei den Banken kaum Kredite nachfragen. Im Euroraum ist es derzeit ähnlich. Zwar ist die sogenannte Geldbasis deutlich gestiegen. Aber die Geldmenge M3, die das tatsächlich umlaufende Geld erfasst, ist in den letzten Jahren kaum gestiegen, sondern zum Teil sogar gesunken. Zu M3 zählen unter anderem Bargeld und kurzfriste Spareinlagen. Die Banken bringen das viele Geld der EZB nicht unter die Leute. Denn die Lage in der Realwirtschaft spielt eine entscheidende Rolle für das Entstehen von Inflation. Boomt die Wirtschaft, steigt die Nachfrage nach Gütern und Krediten. Wenn die Nachfrage das verfügbare Angebot übersteigt, ziehen die Preise an. Schließlich fordern die Arbeitnehmer ihren Anteil am Aufschwung ein. Dies geschieht in Form höherer Löhne. Das kann wiederum die Preise hochtreiben, weil Unternehmen ihre gestiegenen Lohnkosten an die Kunden weitergeben („Lohn-Preis-Spirale“). 

Derzeit sind die europäischen Volkswirtschaften allerdings noch weit von einem „Boom“ entfernt. Zwar hat sich das Wachstum in den letzten Jahren stabilisiert. Trotzdem sind noch keine Einflüsse auf die Inflation zu erwarten. Ein wesentlicher Grund liegt in der Globalisierung. Internationale Wertschöpfungsketten sorgen dafür, dass angesichts immer noch relativ billiger Arbeitskräfte kaum eine Möglichkeit besteht, über einen längeren Zeitraum die Löhne kräftig zu erhöhen. Der globale Wettbewerb hält die Unternehmen von spürbaren Preiserhöhungen für ihre Produkte ab. Ohne Inflation, auch keine Änderung der bestehenden Zinspolitik. Für Notenbanken besteht kein Anlass, ihre derzeitige Politik zu ändern. Niedrige Inflations- und Wachstumsraten in Verbindung mit hoher privater und öffentlicher Verschuldung dürften darüber hinaus nicht nur die kurzfristigen Leitzinsen, sondern auch die Renditen für Anleihen aus Ländern mit guter Bonität niedrig halten. 

Ganz abgesehen davon, gibt es unter den derzeitigen Rahmenbedingungen bei den Anlegern nicht nur Verlierer. Aktionäre und Immobilienbesitzer freuen sich über eine stabile Wertentwicklung und streichen hohe Gewinne ein. Nicht zuletzt die Bundesrepublik hat in den letzten Jahren durch diese Politik nach Berechnungen der Bundesbank 240 Milliarden Euro eingespart. Geld das mittlerweile den Sozialkassen und der Infrastruktur in vielen Bereich zu Gute kommt. Beim Thema Inflation kann man also derzeit ganz entspannt bleiben. Bis auf Herrn Sarrazin, für ihn tickt die Uhr.

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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