Finanzkolumne

Bitcoin, der digitale Goldrausch

Die digitale Revolution verändert seit einigen Jahren Lebens- und Arbeitswelten so stark, dass manche Ökonomen bereits ein zweites Maschinenzeitalter ausrufen. Alles wird in diesen Tagen digital, mittlerweile sogar der Rausch. Bitcoin, so heißt die führende Kryptowährung, ist in aller Munde und der Wert der virtuellen Währung bricht fast täglich neue Rekorde. Ohne Arbeit reich zu werden scheint auf einmal wieder ganz einfach zu sein. Die Bildzeitung stellte vor wenigen Tagen auf der Titelseite die Frage, „Was bringt es, jetzt Bitcoins zu kaufen?“. Taxifahrer, Frisöre, Lehrer, alle reden über die vermeintlich digitale Gelddruckmaschine und jeder will irgendwie dabei sein. Am Sonntag knackte die Kryptowährung erstmals die Marke von 9.000 Dollar, um dann direkt auf über 9.700 Dollar durchzustarten. Es scheint, dass es nur noch eine Frage von wenigen Tagen ist, bis die magische Grenze von 10.000 Dollar fällt. 

Der kräftige Kursschub über das Thanksgiving-Wochenende in den USA wurde durch eine außergewöhnlich starke Nachfrage von Privatkunden ausgelöst. Die größte Bitcoin-Handelsplattform Coinbase gab bekannt, dass man allein von Mittwoch bis Freitag vergangener Woche 100.000 neue Konten eröffnet habe, insgesamt seien es jetzt 13,1 Millionen Konten. Jeder, so scheint es, will jetzt dabei sein. Parallelen zu den Goldräuschen im 18. und 19. Jahrhundert liegen auf der Hand. Damals brachen hunderttausende Menschen, quer durch alle Gesellschaftsschichten, auf, um das große Glück zu suchen. Einige wenige fanden es auch, setzen sich durch und wurden Millionäre. Die meisten allerdings verloren bei der Suche ihren gesamten Einsatz und häufig auch ihr Leben. 

Ganz so gefährlich ist der digitale Bitcoinrausch nicht. Als Miner, also Schürfer, verdienen Sie virtuelles Geld dafür, dass Sie Ihre Rechnerleistung zur Verfügung stellen. Sie brauchen also ihre heimischen 4-Wände, im Gegensatz zu damals, nicht zu verlassen. Für die Teilnahme am Bitcoins-Netzwerk reicht es aus, neben einem herkömmlichen Rechner eine spezielle Software (beispielsweise Multibit, Electrum oder Armory) zu haben, die die Verbindung des eigenen Computers mit dem Netzwerk ermöglicht. Diese Software wird als Bitcoins Client oder auch Bitcoins Wallet ("Portemonnaie") bezeichnet. Es gibt sie auch für Android- und Apple-Smartphones. Um ein Konto zu eröffnen, braucht es keine persönlichen Angaben. Sie ermöglicht das Versenden und Empfangen der virtuellen Währung und funktioniert ähnlich wie die Bezahlung über PayPal. 

Für das Bitcoins Mining ist außerdem eine entsprechend leistungsfähige Hardware notwendig, denn die normale Rechenleistung eines Computers reicht nicht aus, um sich im Konkurrenzkampf mit den Abermillionen Rechnern auf der ganzen Welt zu messen. Während es vor einigen Jahren noch möglich war, allein zu minen, lohnt sich dieser Aufwand heute praktisch nicht mehr. Der Stromaufwand für diese Rechenleistung ist enorm. Schätzungen zufolge benötigt der Bezahlvorgang mit der Währung inzwischen so viel Strom, wie ein durchschnittlicher deutscher Haushalt in mehreren Wochen verbraucht. Zusammen verbrauchen die Computer, die rund um die Welt Bitcoin-Transfers verarbeiten und neue Coins schaffen, täglich mehr Strom als ganz Irland. Dabei wird der Stromverbrauch weiter steigen, denn das Prinzip von Bitcoin beruht darauf, dass der Umfang der Rechenoperationen immer weiter zunimmt. Die meisten Bitcoin-Minen stehen heute in China an Standorten, die besonders günstigen, meist aus Kohle erzeugten Strom bieten. Untersuchungen gehen davon aus, dass jede Bitcoin-Transaktion bis zu 13 Tonnen CO2-Ausstoß verursacht. Überraschenderweise haben Umweltschützer den Bitcoinhype und die Folgen derzeit noch nicht auf dem Schirm. 

Da das Bitcoinschürfen mittlerweile für die meisten zu aufwendig und teuer ist, bleibt derzeit nur der Handel über Bitcoin-Marktplätze im Netz. Anleger müssen sich anmelden und ihre Kontodaten hinterlegen; manche Anbieter ermöglichen den Bitcoin-Kauf auch per Kreditkarte. In Deutschland führend ist bitcoin.de, das mit regelmäßigen Sicherheits-Audits wirbt. Dort bieten Bitcoin-Besitzer ihre Bitcoins wie bei Ebay zu einem bestimmten Preis an, der Marktplatz selbst nimmt eine Transaktionsgebühr. Wenn der Kaufpreis auf das Konto des Verkäufers überwiesen ist und der Empfänger das bestätigt, wandern die erstandenen Bitcoins in die digitale Wallet. 

Die meisten Banken und führende Ökonomen warnen dagegen vor einem Investment in Kryptowährungen. Es ist schon ein bisschen paradox. Ausgerechnet die deutschen Anleger sind heiß auf den Bitcoin. Dabei hat der deutsche Anleger doch den Ruf, Aktien zu scheuen und sein Geld lieber bei der Sparkasse zu parken. Doch die größte und bekannteste Kryptowährung, die in diesem Jahr um 700 Prozent zugelegt hat – im Kurs aber auch heftig schwankt – fasziniert Anleger in Deutschland. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die meisten gar nicht verstehen, was sich hinter Kryptowährungen verbirgt. Im Zweifel ist das nicht sehr viel. Kryptowährungen sind Fiatgeld, genauso wie das von einer Zentralbank geschaffene Geld. Allerdings steht da hinter nicht die Produktivität einer ganzen Volkswirtschaft, sondern lediglich das Vertrauen der Anleger. Der Kurs ergibt sich aus Angebot und Nachfrage an unregulierten Tauschbörsen. Dadurch sind Bitcoins hervorragend geeignet, um damit zu spekulieren. Dabei ist der Sinn einer Währung nicht, ihren Besitzer reich zu machen. Geld soll ermöglichen, dass jederzeit alle Güter gekauft und verkauft werden können. Diese volkswirtschaftliche Funktion ermöglicht das von Regierungen gedeckte Papiergeld hervorragend – und Bitcoins nicht. Denn niemand weiß, ob ein Bitcoin morgen 1.000 Dollar, 10.000 Dollar oder gar nichts wert ist. Die Zurückhaltung der Banken bei Kryptowährungen hat natürlich auch andere Gründe, wie Kritiker zu Recht bemerken. Denn grundsätzlich haben die meisten Banken kein Problem mit spekulativen Geschäften. Aber Kryptowährungen bedrohen das Geschäftsmodel der Banken. Denn die dahinterliegende Blockchain-Technik macht Banken und ihre Dienstleistungen komplett überflüssig. 

Für viele Beobachter ist jedoch mit einem Kurs von 10.000 Dollar das Ende der Wertsteigerung noch lange nicht erreicht. Der bekannte Hedgefondsmanager Michael Novogratz prognostiziert für das nächste Jahr Bitcoin-Kurse von 40.000 Dollar. Er rät allerdings auch Privatanlegern bei der Gewichtung zur Zurückhaltung. Mehr als 3 Prozent seines Vermögens sollte man nicht investieren. Die Schwankungen sind einfach zu hoch. Außerdem ist noch völlig unklar, welche der Kunstwährungen am Ende die Gewinner sind. Es gibt derzeit circa 1200 Kryptowährungen, und es ist ungewiss ob Bitcoin für immer die Nummer eins bleibt. 

Anleger die derzeit über ein Investment nachdenken, sollten sich vielleicht erst einmal selber hinterfragen, ob sie die dahinterliegende Technik wirklich verstanden haben. Ansonsten bieten sich als Alternative die Aktien von soliden Unternehmen mit erfolgreichem Geschäftsmodell an. Mit einem solchen klassischen Investment steht man zwar bei der nächsten Party nicht im Mittelpunkt, aber man kann sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an soliden Dividendenzahlungen erfreuen.

  

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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