Finanzkolumne

And the winner is…

Deutschland hat gewählt und die neue Bundeskanzlerin wird, aller Voraussicht nach, die Alte sein. Das „non-Event“ Bundestagswahl wurde dann doch noch auf den letzten Metern spannend. In den letzten Umfragen vor der Wahl bröckelten auf einmal die Umfragewerte der Regierungsparteien und in der ersten Prognose am Wahlabend wurde klar, die Regierungsbildung in Deutschland wird nicht einfach. Nach diesem Wahlsonntag bieten sich noch exakt zwei Koalitionsoptionen. Entweder das Neue, also Schwarz-Gelb-Grün, oder das Alte, nämlich wieder Große Koalition. Letztere aber hat die SPD ausgeschlossen. Mit Jamaika wird also erstmalig eine recht farbenfrohe Koalition auf Bundesebene Premiere feiern. Es werden politisch mit hoher Wahrscheinlichkeit unruhige und turbulente Jahre, aber wenn jemand in der Lage ist, eine solche Koalition zu führen, dann die neue und alte Kanzlerin. Dank ihrer pragmatischen und emotionslosen Art, könnte dieses Experiment für Deutschland gelingen. 

Der Dax reagierte erstaunlich gelassen, vor allem wenn man die geopolitischen Risiken durch den Nordkorea-Konflikt mit einbezieht, auf den Ausgang der Bundestagswahl. Ohne Frage hätte der Markt eine Fortführung der großen Koalition oder ein Schwarz-Gelbes Bündnis bevorzugt, aber es hätte auch weitaus schlimmer kommen können. Die Börse goutiert Beständigkeit und an der Spitze der Bundesrepublik wird sich erst einmal wenig ändern. Man rechnet nicht damit, dass das Wahlergebnis erheblichen Einfluss auf den konjunkturellen Ausblick für Deutschland haben wird. 

Problematisch ist lediglich das Wahlergebnis einer rechtspopulistischen Partei. Damit ist Deutschland nun auch in der europäischen Normalität angekommen. Die Hoffnung mit den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich sei der Anti-EU-Populismus überstanden war scheinbar verfrüht. Wobei der kombinierte Stimmenanteil der radikalen Parteien, Linke und AfD, gerade einmal knapp über 20 Prozent liegt und damit in Deutschland geringer ist, als allein die rechtspopulistischen Parteien in den Nachbarländern erzielten. Die nächsten Wahlen in Österreich und Italien lassen allerdings nicht gutes erwarten. Jeder, der geglaubt haben könnte, das politische Risiko in Europa habe sich aufgelöst, hat nun ein böses Erwachen erlebt. 

Mit Bauchschmerzen wird auch Frankreichs Premierminister Macron das Wahlergebnis in Deutschland zur Kenntnis nehmen. Am heutigen Dienstag wird der französische Präsident seine Grundsatzrede zur Reform und Vertiefung der Euro-Zone halten. Er will der Eurozone unter anderem einen Finanzminister und ein eigenes Budget geben, in das die Mitgliedstaaten mehrere Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einzahlen - insgesamt Hunderte Milliarden Euro. Merkel alleine war dieser Idee nicht grundsätzlich abgeneigt, mit der FDP in einer Jamaika-Koalition wird diese Umsetzung jedoch stark erschwert. Dass Deutschland in einen Euro-Haushalt einzahle, mit dem dann der "Staatskonsum" in Frankreich finanziert oder die "Verfehlungen von Herrn Berlusconi" in Italien kompensiert würden, sei "unvorstellbar". Das wäre für die FPD "eine rote Linie", sagte Lindner unmissverständlich bereits am Wahlabend. 

Für die Bundeskanzlerin wird in Zukunft das Weiterregieren sicherlich schwieriger werden. Auch der große Reformprozess für Europa wird ins Stocken geraten. Für Anleger dagegen ändert sich sehr wenig. Denn die Konjunkturdaten für die Eurozone sprechen im Herbst 2017 eine klare Sprache. Praktisch alle Stimmungs- und Einkaufsmanager-Indikatoren sind positiv. Die aktuelle Lage wird als sehr komfortabel beurteilt. Die künftigen Wachstumsaussichten werden mindestens mit gut bewertet. Gleichzeitig ist das Preisniveau von Aktien in Europa derzeit noch nicht zu teuer. Auch von einer Rezession ist Europa noch weit entfernt. 

Der wirtschaftliche Aufschwung beschränkt sich dabei nicht allein auf Deutschland, den Musterknaben der vergangenen Jahre. Selbst bei den früheren Problemkindern Europas wie Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien stehen die Zeichen auf Expansion – und dies zum Teil mit beachtlichem Tempo. Ein Grund für diese positive Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone ist die wieder florierende Ökonomie in vielen Schwellenländern. Einer der stärksten Treiber des hiesigen Wachstums bleibt China. Das wird, unabhängig von der neuen Regierung in Deutschland, auch im nächsten Jahr so bleiben. Die gute Auftragslage vieler Unternehmen spiegelt sich inzwischen in der sich verbessernden Arbeitsmarktsituation in Europa wider. Neben steigender Beschäftigung führen, vor allem in Deutschland, höhere Lohnabschlüsse in Verbindung mit geringer Inflation zu steigenden Reallohneinkommen. Das wirkt sich positiv auf das Konsumumfeld aus. 

Die ultra-expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat geholfen, das wirtschaftliche Ruder in Europa herumzureißen. Die Flutung des Kapitalmarktes mit billigen Zentralbankgeld hat die Aktien- und Anleihenmärkte in Europa in den vergangenen Jahren beflügelt. Derzeit geht der Markt davon aus, dass die EZB im kommenden Jahr umsichtig beginnen wird, die Beendigung der expansiven Geldpolitik einzuleiten. Konjunkturell läuft es weiterhin rund in Europa. Der aktuelle Schwung wird auch noch weit ins Jahr 2018 hineintragen. Die Unternehmensgewinne werden sich in diesem Umfeld weiterhin gut entwickeln. 

Für außereuropäische Investoren, vor allem aus den USA, stellt sich das Wahlergebnis noch einfacher da. In einem Zweiparteiensystem wie dem amerikanischen gibt es nur Gewinner und Verlierer. Und nach diesem Maßstab ist Angela Merkel für die amerikanischen Medien erst einmal der Sieger, weil die alte auch die neue Regierungschefin sein wird. Stabilität ist etwas, was Investoren über alle Maßen schätzen. 

Bis 1989 begannen die Laudatoren bei der amerikanischen Oscar Verleihung den entscheidenden Moment der Preisverleihung immer mit dem Satz “and the winner is…“. Seitdem heißt es aber nur noch „And the oscar goes to…“. Dadurch sollen sich die, die keine Trophäe erhalten, nicht so schlecht fühlen. Schließlich gibt es keine „Verlierer“, wenn es keinen „Gewinner“ gibt. Das gleiche gilt politisch vermutlich, die Protestwähler der rechtskonservativen Partei einmal außen vor, auch für diese Bundestagswahl. 

Zu den Gewinnern zählen aber die Anleger, die sich von nationalen Wahlergebnissen nicht beeinflussen lassen und mit Blick auf das konjunkturelle Umfeld rechtzeitig in den Aktienmarkt investiert haben. Gerade Europa bietet, losgelöst von den politischen Unwägbarkeiten, immer noch mehr Chancen als Risiken.

  

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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