Marktbericht

Stellungnahme zum EU Referendum

Brexit oder Bremain?

Am Donnerstag werden die Briten über ihre Zukunft in der Europäischen Union entscheiden. Kommt es dazu, dass die Mehrheit der Wähler für den Austritt votiert, wird das Vereinigte Königreich eine entsprechende Absichtserklärung nach Artikel 50 des EU-Vertrages abgeben. Infolgedessen wird man sich dann bemühen, ein Abkommen zwischen der Union und Großbritannien auszuhandeln, dass den Prozess konkretisiert und ordnet. Ein solches Verfahren könnte sich nach Meinung der Experten über mehrere Jahre hinziehen und erst das Ergebnis bzw. die Güte dieses Abkommens würde über die langfristigen wirtschaftlichen Folgen des Austritts entscheiden.

Die Bertelsmann Stiftung beispielsweise kommt in einer ausführlichen analytischen Studie zum dem Schluss: „Falls das Vereinigte Königreich (UK) die EU im Jahr 2018 verlassen sollte, würde dies die Exporte des Landes reduzieren und Importe verteuern. Je nach Ausmaß der handelspolitischen Abschottung wäre das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner in UK im Jahr 2030 zwischen 0,6 und 3,0 Prozent geringer als beim Verbleib in der EU.“ Wirtschaftliches Chaos, wie vom Internationalen Währungsfonds (IWF) befürchtet, sieht anders aus. Zudem dürfen wir davon ausgehen, dass die vernünftigen politischen und wirtschaftlichen Kräfte in UK, die weit mehr als 50 Prozent der Bürger ausmachen, in dem Fall alles dafür unternehmen werden, um ein weitgehend liberalisiertes Handelsabkommen mit der EU zu vereinbaren.

Weitaus unkalkulierbarer als die langfristigen wirtschaftlichen Folgen eines Brexits werden die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte gesehen. Nach einem „Ja“ zum Ausstieg könnte ein längerer Zeitraum mit erhöhter Unsicherheit entstehen. Neben der Gefahr von fallenden Aktienwerten, volatilen Bewegungen in den Zinsen und Verwerfungen in den Währungen könnte es auch zu einbrechenden Immobilienpreisen, steigenden Kreditkosten für Unternehmen und Haushalte sowie zu einem starken Rückgang bei ausländischen Investitionen in Großbritannien kommen. Investoren scheuen bekanntlich alles, was ihrer Meinung nach unsicher ist.

Da selbst die US-amerikanische Notenbank Fed bei einer Entscheidung für den Brexit spürbare negative Auswirkungen auf die globale Wirtschaft nicht ausschließt und künftige Entscheidungen über das Zinsniveau in der weltgrößten Volkswirtschaft USA unter anderem davon abhängig macht, haben sich Investoren weltweit auf Donnerstag, den 23. Juni 2016 vorbereitet. Die Wahllokale schließen um 22 Uhr, mit ersten Hochrechnungen wird in den frühen Morgenstunden des Freitags gerechnet. Je nach Ausgang des Referendums könnten Aktienmärkte dann nach Meinung der Volkswirte um 5 bis 15 Prozent steigen oder fallen. Gleiches gilt für bestimmte Zins- und Währungsmärkte. Rund die Hälfte der Marktteilnehmer hat sich gegen fallende Kurse abgesichert, die andere Hälfte will von steigenden Kursen profitieren. Dem entsprechend wird eines der beiden Lager auf der falschen Seite erwischt und am Freitag durch Gegenmaßnahmen versuchen, der Realität hinterher zu laufen und damit die Marktbewegungen zusätzlich verstärken.

Wie wahrscheinlich ist ein EU-Austritt der Briten?

Bis zum Ende werden sich die Brexit-Gegner und –Befürworter ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Glaubt man den Umfragen, die ohnehin nur eine geringe Genauigkeit haben, dann liegen beide Lager gleichauf. Eine Prognose für den Ausgang des Referendums ist daraus nicht abzuleiten. Mehr Aussagekraft haben die Quoten in den zahlreichen britischen Wettbüros. Insbesondere, da die Engländer das Wetten um Geld traditionell lieben. Der Theorie nach geht man davon aus, dass Menschen, die auf ein zukünftiges Ereignis wetten und dafür Geld investieren, zielstrebiger handeln, als solche, die in Umfragen nach ihrer Meinung gefragt werden. Aktuell erhält man auf 1 Pfund eingesetztes Kapital im Falle eines Brexits 4 Pfund und im Falle des Bremains rund 1,3 Pfund zurück. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts des Vereinigten Königreiches nur noch bei 25 Prozent. Vor einigen Wochen war es schon einmal wesentlich knapper.

Unsere Positionierung ist auf den Bremain ausgerichtet

Das aktuelle globale Kapitalmarktumfeld spricht für eine Investition in Aktien. Durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken und die äußerst geringe Inflation fallen festverzinsliche Anlagen, wie Anleihen und Sparbriefe, bis auf weiteres mehr oder weniger aus. Unternehmen erwirtschaften auch bei geringem Wachstum derzeit hohe Gewinne und schütten, teils mangels besserer Alternativen, einen guten Teil davon aus. Beispielsweise liegt die durchschnittliche Dividendenrendite der Unternehmen im Aktien-Weltindex MSCI aktuell bei rund 4 Prozent jährlich. Selbst wenn es also gegen unsere Erwartung zum Brexit kommen sollte, wird die Ertragskraft von Aktienanlagen im jetzigen Umfeld nicht unbedingt maßgeblich darunter leiden. Unter diesen Umständen wären höhere Kursschwankungen für eine gewisse Zeit gut verzinst und damit zu ertragen. Aktien würden tendenziell weiter gefragt bleiben.

Zudem wäre ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union für die Engländer genauso wie für uns andere Europäer mit hohen Unsicherheiten über die Zukunft verbunden. Stellt man demgegenüber die aktuelle wirtschaftliche Lage und den Wohlstand der Menschen auf der Insel, dann ist die Bilanz bei aller berechtigten Kritik an der EU-Politik und den EU-Behörden nicht so schlecht. Der Fußball-Weisheit von Otto Rehhagel folgend „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ gehen wir davon aus, dass viele Wähler an der Wahlurne stehend sich doch eher für das entscheiden werden, was sie haben.

Daher haben wir uns entschieden, die Aktienquoten im zulässigen Maß zu halten und auf ein Scheitern des EU-Referendums und den Verbleib der Briten (Bremain) zu setzen.

Anders sieht das Chance-Risiko-Verhältnis bei Anleihen aus. Einer Spekulation auf die Veränderung von Zinsen oder bestimmten Währungen durch den Ausgang des EU-Referendums stehen historisch geringe Erträge der Papiere gegenüber. Aufgrund dieses geringen Puffers halten wir es nicht für attraktiv, sich in diesem Segment derzeit chancenorientiert zu positionieren. Vielmehr gilt es, Risiken soweit als möglich zu vermeiden.

Bei aller faktischen Analyse und wirtschaftlichen Abwägungen bleibt für Europa zu hoffen, dass das Schreckgespenst des Brexits sich am kommenden Wochenende verflüchtigt haben wird und das das Projekt Europa, als eines für Frieden und Wohlstand auf diesem jahrhundertelang zerstrittenen Kontinent es als heilsamen Schock begreift, um entschiedener an der Beseitigung von Missständen und Fehlentwicklungen zu arbeiten. Im Übrigen stehen bereits am Sonntag die Neuwahlen in Spanien an. Nach der Entscheidung in UK ist also vor der Entscheidung in Spanien für oder gegen Europa. Die Politik bleibt also gefordert, endlich Lösungen zu liefern.

 

Redakteur (V.i.S.d.P.): Dipl.-Ing. Alexander H. Stütz
Geschäftsführer

 

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