Das Bankgeschäft könnte so einfach sein: Einlagen annehmen, Kredite vergeben und Zinsen kassieren. Jahrzehntelang galt die 3-6-3 Regel im Bankgeschäft. Zahle auf Konten 3 Prozent Zinsen, verleihe das Geld zu 6 Prozent und gehe nach getaner Arbeit um 3 Uhr nachmittags Golf spielen. Diese Zeiten sind spätestens seit der Finanzkrise vorbei. Vermutlich kehren sie so schnell auch nicht zurück. Die Nullzinspolitik der Notenbanken hat das Geschäftsmodell der Banken erodieren lassen. Dabei wären die Banken schon froh, wenn es bei den Nullzinsen geblieben wäre. Denn bereits seit 2014 ist der Einlagenzins für Banken bei der EZB negativ. Banken haben innerhalb des Bankensystems nur wenige Möglichkeiten, liquide Mittel aufzubewahren. Da Banken ihre Liquiditätsüberschüsse nicht bei sich selbst anlegen können, unterhalten sie ihr „Girokonto“ bei der entsprechenden Landeszentralbank.

Der negative Einlagezins belastet die Banken

Dadurch müssen Banken, wenn sie liquide Mittel bei der EZB deponieren, negative Zinsen zahlen. Dabei fing es relativ harmlos an. Am 4. September 2014 senket die EZB ihren Einlagezins erstmals auf 0,20 Prozent, ab 2017 galt dann -0,40 Prozent und seit September dieses Jahres bereits -0,5 Prozent. Zeitgleich wurde zwar für Banken ein neuer Freibetrag in Höhe der 6-fachen Mindestreserve eingeführt. Die Belastung für die Finanzinstitute bleibt aber hoch. Der Einlagenzins stellt ein Steuerungsinstrument der EZB dar. Hohe Zinsen binden kurzfristige Liquidität während niedrige Zinsen einen Anreiz an die Geschäftsbanken bieten sollen, ihr Geld nicht bei der Zentralbank zu parken sondern an andere Banken oder Verbraucher und Unternehmen zu verleihen. Idealtypisch sorgt also ein niedrigere Einlagenzins für eine Ausweitung des Kreditangebotes der Geschäftsbanken an Privathaushalte und Unternehmen.

Die Welle von Negativzinsen nimmt Fahrt auf

Auf deutsche Sparer kommt jetzt eine Welle von Negativzinsen zu. Lange Zeit haben die Banken versucht, ihre Privatkunden nicht mit negativen Zinsen zu belasten. Lediglich im Geschäftskundenbereich verlangten die meisten Banken Strafzinsen. Nur bei sehr hohen Guthaben, häufig im Millionenbereich, wurden die Strafzinsen an Privatkunden weitergegeben. Mittlerweile verlangen aber bereits 39 Geldinstitute Negativzinsen für Guthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten von ihren Privatkunden. Dabei haben 15 Institute die Negativzinssätze bereits auf das EZB-Niveau von 0,5 Prozent angehoben. Meistens werden die Zinsen erst ab Einlagen von 100.000 Euro erhoben, manche Institute fangen bei Summen ab 500.000 Euro oder einer Million Euro an. Die darunterliegende Summe gilt als Freibetrag. Für Beobachter ist der Dammbruch mittlerweile erfolgt. Nahezu täglich stoßen neue Banken dazu und bitten ihre Anleger zur Kasse.

Ihr konventionelles Pulver hat die Notenbank verschossen

Dabei ist Entspannung nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. Draghis Nachfolgerin im Amt der EZB Präsidentin, die Französin Christine Lagarde, betonte bereits mehrmals das sie den Kurs ihres Vorgängers fortsetzen wird. Ihr Ziel ist es, die Konjunktur im Euroraum zu stützen. Dabei scheut sie sich auch nicht, innovative Maßnahmen zu ergreifen. Denn das konventionelle Pulver hat die Notenbank unter Draghi längst verschossen. Milliardenschwere Aktienkäufe der EZB, Helikoptergeld oder eine Strafsteuer auf Bargeld sind Stichworte, mit denen sie häufig in Zusammenhang gebracht wird. Vor allem das Bargeld ist so manchem in der EZB ein Dorn im Auge. Denn damit kann man sich noch der Geldpolitik der Notenbank entziehen. Wer sein Geldvermögen unter das heimische Kopfkissen steckt, verliert auch bei Strafzinsen nichts. Als Lösung empfehlen Experten der EZB, Bargeld möglichst unbeliebt zu machen und elektronische Zahlungssysteme zu fördern.

Fast jedes zweite Institut denkt über Strafzinsen nach

Experten sind sich mittlerweile einig, auch der einfache „Otto-Normalsparer“ wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr bald Strafzinsen zahlen müssen. Die anfängliche Scheu der Banken ist verflogen. Bei vielen Instituten geht es mittlerweile um das eigene Überleben. Zwar sind nach Ansicht von Verbraucherschützern Negativzinsen auf Kontoguthaben von Privatleuten mit bestehenden Verträgen gesetzeswidrig. In diesem Fall werden die Banken jedoch bestehende Verträge einfach kündigen oder die sonstigen Gebühren massiv erhöhen. Denn für Neuverträge, das ist rechtlich unumstritten, sind Strafzinsen möglich. Sollte das Zinsniveau noch tiefer ins Minus rutschen, dann wäre fast jedes zweite Institut bereit, Strafzinsen für Kleinsparer einzuführen.

Willkommen in der Welt ohne Zinsen

Eine Welt ohne Zinsen ist für viele konservative Anleger ein Problem. Denn wer regelmäßige Kapitalerträge sucht, findet kaum mehr Anlagemöglichkeiten. Die Zeiten, als man für eine fünfjährige Bundesanleihe mehr als vier Prozent Zinsen erhalten hat, sind endgültig und für lange Zeit vorbei. Die erste Devise für Sparer muss es deshalb sein, einen Großteil des Ersparten vom Giro- und Tagesgeldkonto wegzuschaffen. Lediglich ein Betrag von etwa drei bis vier Nettomonatseinkommen sollte auf einem zinsneutralen Giro- und Tagesgeldkonto als Notfallreserve verbleiben. Als zweiten Schritt sollte man sich einen Liquiditätsplan für die nächsten Jahre erstellen. Damit kann man abschätzen wieviel freie Liquidität man wann wirklich braucht. Sei es die Anschaffung eines neuen PKW, die Sondertilgung für die Immobilie oder die finanzielle Unterstützung der studierenden Kinder.

Niedrigzinsen sorgen für steigende Vermögenspreise

Darauf aufbauend kann dann die Investitionsentscheidung getroffen werden. Anlegern muss klar sein, für Rendite muss man höhere Risiken eingehen und in Sachwerte wie Immobilien oder Aktien investieren. Denn so schmerzhaft die fallenden Zinsen für viele sind, es ist einer der Haupttreiber der steigenden Vermögenspreise. Vor allem die Preise für Immobilien, Aktien und Betriebsvermögen sind in den vergangenen Jahren, auch aufgrund der Niedrigzinspolitik der Notenbanken, massiv angestiegen. Wer davon profitieren will, muss sich bewegen und selber aktiv werden. Jedem sollte bewusst sein, „3-6-3 ist vorbei“ – nicht nur für die Banker.

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden