Quartalsbericht

Quartalsbericht 2. Quartal 2016

Mit dem britischen EU-Referendum hat ein politisches Thema das zweite Quartal beherrscht 

Bereits lange vor der Entscheidung am 23. Juni dominierte die Abstimmung der Briten die Kapitalmärkte. Hatten Finanzstrategen, wie auch wir, die Wahrscheinlichkeit eines Austritts der Briten aus der Europäischen Union bis zuletzt als gering eingeschätzt, so mussten sie nach Bekanntgabe des Ergebnisses die neuen politischen Realitäten verarbeiten. Entsprechend heftig fielen die Turbulenzen an Aktien-, Währungs- und Zinsmärkten in den ersten Tagen nach dem Referendum aus. Anfängliche Kursverluste bei Aktien wurden bis zum Quartalsende allerdings wieder nahezu ausgeglichen. Der weltweite Aktienindex MSCI schloss den 3-Monats-Zeitraum auf Eurobasis sogar mit plus 2,9 Prozent ab. Hierzu trug nicht zuletzt der anziehende US-Dollar bei, der bei Investoren als sicherer Hafen gefragt war. Bei den europäischen Indizes wie dem EuroStoxx 50 oder dem DAX spiegelte sich die gestiegene Unsicherheit über die politische und wirtschaftliche Zukunft Europas unter dem Strich hingegen in einem leichten Minus von 3,0 bzw. 1,2 Prozent wider. 

Auch die Renditen deutscher Bundesanleihen setzten ihren Abwärtstrend nach der Entscheidung der Briten fort. Selbst Papiere mit einer 15-jährigen Restlaufzeit notierten negativ. Erstmals in der Geschichte mussten Gläubiger der Bundesrepublik Deutschland dafür bezahlen, um ihr Kapital beim Staat für 15 Jahre parken zu dürfen. Der nochmalige Rückgang der Zinsen ist aber auch auf das Anleihen-Kaufprogramm der EZB zurück zu führen und nicht nur der Flucht vor dem Brexit in sichere Anlagen geschuldet. Zum 1. Juli 2016 meldet die Zentralbank einen zu geldpolitischen Zwecken angekauften Bestand in Staatsanleihen, Pfandbriefen und Unternehmensanleihen im Gegenwert von 1.226 Milliarden Euro. Die Anleihenmärkte sind für normale Anleger inzwischen wie leer gefegt. Nichts desto trotz kauft Mario Draghi munter weiter. 

Der gesunkene Außenwert des britischen Pfund spiegelt die Unsicherheit für UK wider 

Substanzielle Veränderungen hat die Entscheidung pro Brexit bisher vor allem für den Außenwert des britischen Pfund gebracht. Kurz nach Bekanntgabe fiel es gegenüber dem US-Dollar auf ein 31-Jahres-Tief. Auch gegenüber dem Euro büßte die britische Währung von der Verabschiedung des Referendum-Gesetzes im Dezember 2015 bis 30. Juni diesen Jahres 15 Prozent ein. Investoren befürchten negative wirtschaftliche Folgen für das Vereinigte Königreich, sie ziehen Kapitalanlagen dort ab und tauschen den Erlös in Fremdwährungen um. Am stärksten hat es zunächst den Immobilienmarkt rund um London getroffen. Nach Ansicht dortiger Immobilienexperten sind es vor allem Privatanleger, die sich von Anteilen an britischen Immobilienfonds trennen wollen, da sie in Folge der Entscheidung deutliche Preisrückgänge erwarten. Bisher wurden sechs Fonds mit einem Gesamtvolumen von 18 Milliarden Euro eingefroren als ihnen die Liquidität ausging, Investoren kommen bis auf weiteres nicht mehr an ihr Geld. Ausdruck der gestiegenen Unsicherheit war zudem die Flucht in Gold. Für eine Feinunze mussten zuletzt 1.343 US-Dollar bzw. 10 Prozent mehr als zu Beginn des Quartals bezahlt werden. Obwohl Edelmetalle keinen Ertrag abwerfen, versprechen sich Anleger davon einen Schutz vor dem Preisverfall klassischer Kapitalanlagen. Wie auch immer, als Seismograph für mögliche Erdbeben an den Kapitalmärkten dient es zweifellos.   

Was wird die Entscheidung für den Brexit bewirken? Wo liegen die größten Risiken? 

Die langfristigen Auswirkungen des Brexits für das Vereinigte Königreich und Europa werden erst von den Verhandlungsergebnissen über die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit abhängen. Verwerfungen aus möglichen Zusammenbrüchen von bedeutenden institutionellen Marktteilnehmern sind es hingegen, die nicht vorhersehbar sind und aktuell das größte Risiko darstellen. Diese können sich aus Problemen bei der Liquidation von Kapitalanlagen wie den Immobilien oder aus hohen Verlusten bei fremdfinanzierten spekulativen Anlagegeschäften ergeben.

Wahl von Theresa May zur Premierministerin wird als positives Zeichen gewertet 

Für Klarheit sorgt, dass mit der bisherigen britischen Innenministerin Theresa May, anders als erwartet, bereits gestern eine erfahrene und als pragmatisch geltende Politikerin zur Premierministerin Großbritanniens gewählt wurde. Man muss es nicht als gutes Omen werten, dass sie, wie unsere Kanzlerin, Pastorentochter ist. Als genauso schwer berechenbar gilt sie allemal. Mit ihrer überraschenden Entscheidung, die umstrittene Führungsfigur des Brexit-Lagers, Boris Johnson, zum neuen Außenminister zu bestimmen, hat sie dies bereits in den ersten Stunden nach dem Machtwechsel bewiesen. Die Aktienmärkte gewährten ihr zumindest in den vergangenen Tagen Vorschusslorbeeren und legten deutlich zu. 

Weltwirtschaft leidet zwar unter Überkapazitäten, wird aber vom Konsum getragen

 Im Übrigen wird dem Brexit von Anlegerseite zwar besondere Bedeutung beigemessen, wichtiger als dieses aktuelle politische Thema Europas ist und bleibt aber die globale wirtschaftliche Entwicklung. Diese ist weiterhin von einem starken Konsum, aber einer mäßigen industriellen Produktion und Überkapazitäten in den größten Volkswirtschaften USA, China und auch Japan geprägt. Die Kapazitätsauslastung in den Vereinigten Staaten lag in den Spitzenzeiten Ende der 90er Jahre bei rund 85 Prozent, vor Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 bei 81 Prozent. Aktuell bewegt sie sich bei 75 Prozent. In China sind, wie jüngst gemeldet, die Erzeugerpreise im Juni den 52. Monat in Folge gefallen, was auf einen dauerhaften Angebotsüberhang schließen lässt. Strukturelle Reformen zur Sanierung der maroden Staatsunternehmen bleibt die Regierung um Ministerpräsident Li Keqiang noch schuldig. Stattdessen wird dort der Geldhahn aufgedreht und Subventionen fließen. Eine Vorgehensweise, die uns auch aus den USA und Europa bekannt ist. Nicht umsonst appelliert der IWF in diesen Tagen nachdrücklich, den Finanzsektor und die Staatshaushalte Europas konsequenter zu sanieren. In einem Länderbericht zu Italien wird beispielsweise auf die Bedrohung durch die dortigen mit 360 Milliarden Euro an faulen Krediten belasteten maroden Banken hingewiesen. Sollte sich die ohnehin schwache Wirtschaft des Landes weiter verschlechtern, könnte es am Stiefel zu einer ernsten Krise kommen.

Die gute Stimmung der Verbraucher sowie eine hohe Beschäftigungsquote sind es, von denen die Weltwirtschaft aktuell getragen wird. Mangels geeigneter Alternativen im künstlich geschaffenen Niedrigzinsumfeld fließt überdurchschnittlich viel Kapital in Konsumangebote und konsumnahe Güter. Für das erwartete globale Wachstum bedeutet das weiter ein Plus von drei Prozent. Irgendwann könnte es sich aber als problematisch erweisen, nur einseitig auf expandierende Dienstleistungssektoren sowie ein anhaltend hohes Verbrauchervertrauen in den entwickelten Volkswirtschaften gesetzt zu haben. Verwerfungen, die vielbeachteten Ereignissen wie dem Brexit folgen können, sind unkalkulierbar und würden dann auf eine labile Bankenlandschaft sowie strukturschwache öffentliche Haushalte treffen.

Die Turbulenzen der ersten Woche nach der Brexit-Entscheidung haben uns vorübergehend zu einer vorsichtigeren Positionierung bewegt. Kurzfristige negative Auswirkungen scheinen jedoch zum Glück auszubleiben. Daher investieren wir im vorherrschenden Niedrigzinsumfeld nun wieder schwerpunktmäßig in substanzstarke Aktien bzw. Aktienfonds mit hohen laufenden Erträgen.

 

verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Ing. Alexander H. Stütz

Stand: 14.07.2016

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